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Nuclear-Free Future
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YURI I. KUIDIN

KASACHSTAN

Berlin
15 October 2000

Yuri I. Kuidin

Es gab zu Zeiten des Kalten Krieges nicht nur eine Mauer, nicht nur einen Eisernen Vorhang. Einer der brutalsten und mörderischsten umschloß das sogenannte Semipalatinsk-Testgelände in der Republik Kasachstan. Der erste Atomtest fand hier am 29.8.1949 statt; es folgten innerhalb von vierzig Jahren 469 weitere mit einer Gesamtsprengkraft von 50 Megatonnen. Der Tod kam und kommt im Schlenderschritt: Über 1,6 Millionen Menschen (genaue Zahlen gibt es nicht) waren der Strahlung ausgesetzt. Krebsfälle, Blut- und Herzkrankheiten, Depressionen nahmen sprunghaft zu. Auffällig viele Kinder kamen mißgebildet zur Welt. Die Kindersterblichkeit stieg merklich an. Und all das selbstverständlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Einer, der diese sowjetische Ometa zu brechen wagte, ist Yuri I.Kuidin, dessen Fotos – teils auf abenteuerlichen Pfaden – Wege an die Weltöffentlichkeit fanden. Als 1989 die Protestaktionen der gequälten Bevölkerung gegen neuerliche Atomtest abermals erstickt zu werden drohten, sorgten Kuidins Bilder in den USA, in Japan, Europa und Australien für Aufmerksamkeit. Kuidin, Mitbegründer der transatlantischen Anti-Atomkraft Bewegung “Nevada-Semipalatinsk Movement” und seit 1990 Mitglied der “Atomic Photographers Guild”, hat nie nach Strahlendosis und eigenem Risiko gefragt, wenn es galt, staatlichen Totschlag an der eigenen Bevölkerung zu dokumentieren.

Daß Kasachstans Präsident Nursultan Nazarbaev schließlich am 29.8.1991 das Semipalatinsk Testgelände offiziell schloß, ist auch Kuidins Verdienst. Der hat sich 1990 mit Gründung von »Phönix« (Antinuclear Ecological Fund) eine Organsation geschaffen, die mit Protestmärschen, Dokumentationen und Photos die Mauer des Schweigens endgültig eingestoßen hat.

“Diese Menschen haben nur einen Fehler begangen: Sie wurden in Semipalatinsk hineingeboren.”

Kuidins Ausstellungen waren im eigenen Land, in Rußland, Italien, Deutschland, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Österreich und der Schweiz zu sehen. Sein Fotoband “Nuclear Tragedy of Kazakhstan” geriet zu einer der ergreifendsten Dokumentationen darüber, was Menschen Menschen antun können: angeblich, um sie vor Feinden zu schützen.

Im November 1998 stimmten die Teilnehmer der 53. UN-Vollversammlung dafür, den Semipalatinsk-Opfern Unterstützung zukommen zu lassen – ein Beschluß, von dem Kasachstans stellvertretende Außenministerin sagte, er sei nicht zuletzt Kuidins Fotos zu danken.

Das neuste Phönix-Projekt heißt “From family to family – Brücke der Freundschaft” und soll Kindern Auslandsaufenthalte ermöglichen, die daheim unter unsagbaren Zuständen leiden. Kuidin will den direkten Familienkontakt, will Transparenz für die Spender, weil Helfer aus dem Westen wohl immer wieder leidvolle Erfahrungen mit anonymen Spenden gemacht haben. Die Liste der Kinder, die dringender Hilfe bedürfen, beläuft sich derzeit (August 2000) auf rund 3000. Bis heute bekommen Strahlenopfer aus dem Testgebiet kaum staatliche Unterstützung. Kasachstan ist ein armes Land.

“Diese Menschen haben nur einen Fehler begangen: Sie wurden in dieses Gebiet hineingeboren”, sagte Kuidin, der seine Arbeit nicht nur als humanitär-medizinische Nothilfe verstand sondern auch als Warnung an alle, die in Gefahr sind zu vergessen, was eine nukleare Katastrophe im Kern ist. Tod auf Raten.

Der Preis wird posthum verliehen. Yurie Kuidin starb am 18. Juni dieses Jahres an den Folgen eines tragischen Unfalls.

–Claus-Peter Lieckfeld