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Nuclear-Free Future
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LIFETIME ACHIEVEMENT

is presented to

STEWART UDALL

USA

Los Alamos
26 September 1999

Stewart Udall

“Das atomare Wettrüsten und die Geheimhaltungspolitik der Atomindustrie haben die amerikanische Rechtsprechung über den Haufen geworfen und unsere öffentliche Moral untergraben. Die Täuschungen und Lügen, mit denen unsere Regierung die Atomindustrie geschützt hat, sind einmalig in der Geschichte der USA. Unsere Regierung hat eine Industrie geschützt, die sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, und die bereit war, unsere eigenen Leute zu opfern.”

Vehementes Urteil eines Aktivisten? Nein: Nüchterne Bilanz eines Staatsmannes, 1993 in einem Gespräch mit Keith Schneider, dem Umweltreporter der New York Times. Stewart Udall, Jurist aus Arizona, hatte bereits vier Amtszeiten als Kongressmitglied hinter sich, als er von John F. Kennedy zum 37. Innenminister (Secretary of the Interior) der Vereinigten Staaten ernannt wurde. Auch in der Ära Lyndon B. Johnson blieb er weiter im Amt. In diesen acht Jahren machte er von sich reden – als Liebhaber der schönen Künste und als Hüter der Natur: Er belebte das historische Ford’s Theater in Washington wieder, nachdem es über ein Jahrhundert verwaist war, und er holte seinen Lieblingsdichter Robert Frost in seine Entourage; er richtete vier Nationalparks und 56 Areale für Wildtiere ein, und seine Unterschrift besiegelte Meilensteine im Umweltbereicht: Wilderness Bill, Endangered Species Act, Air Pollution Funds.

Nach dem Weggang aus Washington entschied er sich für ein Leben als Autor und Anwalt. Künftig sollte er den Opfern der Atomindustrie in ihrem Kampf gegen die Regierung in Washington beistehen. Das Jahr, in dem sein Leben die entscheidende Wendung nahm, war 1978: Damals ließ er sich von Nevada Testsite Downwinders (Menschen, die in Windrichtung des Bomben-Fallouts lebten) erzählen, wie der radioaktive Niederschlag die Menschen erkranken und sterben ließ. In den Folgejahren lieh er sein Ohr noch anderen Leidtragenden: Arbeitern aus den Bombenfabriken, Bergleuten aus den Uranminen, Angestellten aus den Uranmühlen.

“Unsere Regierung hat eine Industrie geschützt, die sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, und die bereit war, unsere eigenen Leute zu opfern.”

Letztere waren Indianer, Angehörige der Dine (Navajo), auf deren Land das erste Uran in den USA abgebaut worden war. Lo doo naa yghihii – nannten sie dei neue Krankheit, die ihre Leute dahinraffte: “Die Wunde, die niemals mehr heilt.”

Udall brachte eine Lawine ins Rollen: 1988 wurden in sechs US-Staaten die Atomwaffenfabriken geschlossen, 1990 wurde ein Gesetz zur Widergutmachung – Radiation Exposure Compensation Act (RECA) – verabschiedet. Zwar ist Udall längst nicht zufrieden mit dem Gesetz – zu lückenhaft sind ihm die Kriterien für die Kompensation, zu langsam die Abwicklung – doch die Hülle der Verschwiegenheit ist ein- für allemal aufgerissen.

Die Werke des Autors Udall reflektieren seine Sorgen. Sein erstes Buch “The Quiet Crisis” erschien 1963 und mahnte die Amerikaner, ihre Rolle als Hüter des Landes und seiner Natur wahrzunehmen. 1988 wurde es unter dem Titel “The Quiet Crisis and the Next Generation” wieder aufgelegt. Dazwischen lagen “Agenda for Tomorrow” und “The Energy Balloon”. Für “To the Inland Empire: Coronado and Out Spanish Legacy” – das spanische Erbe Nordamerikas – wurde er von König Juan Carlos von Spanien zum Ritter geschlagen. Sein jüngstes Werk ist eine Abrechnung mit dem Atomzeitalter: amp; quot;The Myths of August: A Personal Exploration of our Tragic Cold War”.

Für viele Kritiker der amerikanischen Nuklearpolitik ist er eine Heldenfigur: Sein Lebenswerk habe nach seinem Ausscheiden in Washington begonnen, sagen Mitstreiter und Freunde in Santa Fe, New Mexico, wo der heute 79jährige mit seiner Frau lebt. Der Ex-Politiker handelt und warnt, weil er sich persönlich verantwortlich fühlt, und weil er sich für die Politik seiner Regierung schämt. So ein Satz läßt sich selten schreiben. Wer hat in den Kreisen der Verantwortlichen schon die Größe, sich zu schämen? Stewart Udall hat sie.

–Wolfgang Heuss