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SEBASTIAN PFLUGBEIL

GERMANY

Heiden
29 September 2012

Sebastian Pflugbeil

Er ist ein Detektiv. Er sieht gleich, wenn etwas nicht stimmt – wie ein Aborigine in Australien, der auf dem steinigen Boden sofort den kleinen Stein sieht, der nicht mehr auf seinem Platz liegt. Dazu muss man die Steine kennen. Sebastian Pflugbeil sieht es einer Zahlenkolonne an, ob sie manipuliert wurde. Er kennt die Zahlen. Wenn er ein Verbrechen riecht, dann wird er zum Detektiv. Eigentlich ist er Physiker.

1947: wurde er auf der Insel Rügen geboren, in Greifswald wuchs er auf. Zu seiner Jugend gehörte Musik: Sein Vater war Kirchenmusiker, seine Mutter, eine Cembalistin, gründete die alljährlich in den Monaten Mai und Juni stattfindende Greifswalder Bachwoche. Nach dem Physik-Studium wurde er Mitarbeiter des Zentralinstituts für Herz-Kreislauf-Forschung an der Akademie der Wissenschaften Berlin-Buch. Seine Promotion wurde ihm verweigert – seine Nähe zur Bürgerrechtsbewegung und scharfe Töne gegen Kernkraft und Kernwaffen hatten die Stasi auf ihn aufmerksam gemacht. Erst nach der Wende bekam er seinen Doktortitel. Er war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums und saß als dessen Vertreter mit am Runden Tisch der DDR. Für kurze Zeit war er Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow. Ihm reichte die Zeit: In schwarzen Ministertaschen schaffte er nach Büroschluss die geheimen Gutachten über den Sicherheitszustand der DDR-AKWs nach Hause, vervielfältigte sie mit seinem Kopierer im Schlafzimmer – die Geräte waren damals noch verboten – und brachte sie am nächsten Morgen ins Archiv. Das Gutachten für den Zentralen Runden Tisch, das sich auf diese streng geheimen Berichte stützte, trug zu Schließung der 6 laufenden Kernkraftwerksblöcke bei Greifswald und Rheinsberg und zur Aufgabe der Bauarbeiten an 5 weiteren KKW-Blöcken bei Greifswald und Stendal innerhalb weniger Monate bei.

“Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit von allen Parteien behindert worden.”

1989: Die Mauer war gefallen, für Privatdetektiv Pflugbeil gehörte jetzt der Westen mit zum Revier. Als in Geesthacht, nahe dem Kernkraftwerk Krümmel, eine erhöhte Leukämierate bei Kindern festgestellt wurde, holte er sofort die Lupe aus der Tasche. Und sah etwas, das gehörte eigentlich in eine andere Zeit: Das Uranprojekt der Nazis. Die Kernphysiker dort hießen Bagge und Diebner, 1945 soll ihnen eine kleine Kernexplosion gelungen sein, bei der KZ-Häftlinge als Versuchspersonen eingesetzt und getötet wurden. 1957, beim “Göttinger Appell” führender deutscher Atomphysiker wie Otto Hahn, Werner Heisenberg und C.F. von Weizsäcker gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr fehlten Bagge und Diebner. Sie hatten 1956 die Gesellschaft für Kernenergie und Schifffahrt auf dem ehemaligen Gelände von Dynamit Nobel gegründet und manche vermuten, dass sie weiter über Atomwaffen forschten.

1986: hatte es auf dem Gelände einen Brand gegeben; es könnte, sagt Pflugbeil, auch ein Explosion gewesen sein. Genaues war nicht zu erfahren. Jedenfalls gab es in den neunziger Jahren in der Gegend die Meldung einer erhöhten Leukämierate bei Kindern. Zu deren Aufklärung setzte die Landesregierung von Schleswig- Holstein 1992 eine unabhängige achtköpfige, interdisziplinäre Leukämiekommission ein. Sie arbeitete zwölf Jahre ehrenamtlich und fand in Umgebungsproben nukleartechnisch hergestellte “PAC-Mikrokügelchen”, was auf verbotene militärische Experimente schließen ließ. 2004 traten, entnervt durch permanente Behinderungen und “eine Mauer des Schweigens”, sechs der acht Mitglieder aus der Kommission aus. Die Proben wurden, auf Anraten Pflugbeils, nach Weißrussland geschickt. Prof. Mironov von der Internationalen Sacharow-Umwelt-Universität Minsk – sie wurde in der Folge von Tschernobyl gegründet – bestätigte die Annahmen der Kommission. Pflugbeil rückblickend: “Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit von allen Parteien behindert worden.” Was ihn besonders wurmt: “Verschwörungstheorie hat man uns vorgeworfen.”

Es ist höchste Zeit, den Familienvater (seine Frau ist Internistin, er hat vier Töchter), der sich nie scheut, den Dingen auf den Grund zu gehen, für seinen Spürsinn und seine Hartnäckigkeit zu ehren. Wenn er zwischen Abstechern nach Tschernobyl und Fukushima mal zuhause ist, dann kann es gut sein, dass er vom PC zum Cembalo seiner Mutter wechselt und Hausmusik mit seinen Töchtern macht.