The
Nuclear-Free Future
Award

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EDUCATION

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LYDIA POPOVA

Russia

Los Alamos
26 September 1999

Lydia Popova

Der Westmensch, für den Erfolg und Einkommen häufig Synonyme sind, registriert es mit einer Mischung aus Befremden und Bewunderung, wenn jemand aus Gründen der Moral den Fuß von der Karriereleiter nimmt. Lydia Popova hat allerdings noch weit mehr riskiert als “nur” ihre materiell abgesicherte Zukunft, als sie sich nach 17 Jahren als wissenschaftliche Fachkraft aus dem mächtigen russischen Atomenergie- und Industrieministerium (Minatom) verabschiedete. Ihre Untersuchung der Brennelemente-Kreisläufe in der ehemaligen Sowjetunion und anderen Ostblock-Staaten bescherte ihr zwei Einsichten: Erstens, die technisch/praktische Handhabung hochgefährlicher Abläufe ist katastrophal; zweitens, offiziellerseits interessiert das niemanden. Lydia entschloß sich, die Alarmpfeife zu ziehen – und zwar noch zu Zeiten, als in ihrem Land Vertuschen und Anpassen die Grundtugenden der Apparatschiks waren.

Von Anbeginn ihrer zweiten Karriere beschränkte sie sich nicht auf Warnungen vor neuerlichen Tschernobyls und vor den Risiken der Plutonium-Wirtschaft. Sie präsentierte einer interessierten Öffentlichkeit Energiesparmodelle und erklärte die Prinzipien der erneuerbaren Energie – immer nach dem Motto: Wer nein sagt, muß Antworten auf die allfälligen Was-dann?-Fragen haben.

“Plutonium ist keine Energiequelle sondern eine Bürde.”

Nach der Implosion der Supermacht SU und der Auflockerung erstarrter Verhältnisse wurde Lydia 1990 Koordinatorin von SEU (Alternative Energy Program); 1992 gründete sie das Centre for Nuclear Ecology und Energy Policy der SEU. In wissenschaftlichen und öffentlichkeitswirksamen Publikationen (“Plutonium in Russia”) wies die hochqualifizeirte Wissenschatlerin immer wieder auf die Gefahren einer plutonisierten Weltgemeinschaft hin, entlarvte die Mürbigkeit der (angebliche stabilen) Grenze zwischen friedlicher und militärischer Nutzung – und das auf russischen, auf amerikanischen, englischen und japanischen Foren. Lydia gehört zum internationalen Beratergremium des Wuppertal Instituts für Klima, Energie und Umwelt; und sie gilt weltweit als eine der herausragenden Persönlichkeiten, die einerseits auf höchstem wissenschaftlichen Niveau – bei Bedarf auch in flüssigem Englisch – debattieren, andereseits aber auch vermitteln können: übersetzen. Lydia ist totz (sie würde sagen: wegen) ihre Fachkompetenz die allgemeinverständliche Gewährsfrau russischer Granswurzel-Organisatoren. Ihre SEU ist eine Art Dachorganisation für 250 Umwelt- und Anti-Atom-Gruppen. “Plutonium ist keine Energiequelle sondern eine Bürde”, sagte sie kürzlich US-amerikanischen Befürwortern der MOX-Technologie. Normalerweise schütteln die PR-Spezialisten der Atomlobby solche Sätze ab: Was heißt schon Bürde? Aber Lydia ist aus dem Stand in der Lage, faktenreich, anschaulich und gnadenlos die Beschwichtigungsformeln jener hauptberuflich Sorglosen zu pulverisieren. Eine wahrhaft preiswürdige Fähigkeit.

–Claus-Peter Lieckfeld