The
Nuclear-Free Future
Award

in the Category


RESISTANCE

is presented to

DOROTHY PURLEY

USA

Los Alamos
26 September 1999

Dorothy Purley

Ohne Zweifel wird es einmal eine Zeit geben, in der Urantagebau als fahrlässige Tötung wenn nicht als Mord eingestuft wird. Begangen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert – und diesmal nicht von Diktatoren und Ideologen sondern von klar kalkulierenden Unternehmern. Den Tätern droht vermutlich kein Nürnberg und kein Den Haag. Dennoch: Es soll und muß Zeugenaussagen geben – Menschen wie Dorothy Purley, deren Stimme über ihre Zeit hinaus gehört werden wird.

Die heute sechzigjährige Großmutter aus der Laguna Pueblo Reservation in New Mexico leidet seit Jahren an Hodgkinsons Lymphoma. 1993 und 1998 mußte sie sich chemotherapeutischer Behandlung unterziehen – und ließ sich doch nur kurzzeitig von ihrem Kampf gegen die Verursacher ihrer Krankheit abhalten: die Jackpile Mine im Laguna Pueblo Indianer Reservat. Von 1975 bis 1982 hatte Dorothy als Lastwagenfahrerin und in der Uranmühle des seinerzeit größten Urantagebaus gearbeitet. In Dorothys Heimatdorf, unweit der riesigen Schürfstelle, “entsorgte” man damals das radioaktive Abraumgestein als Baumaterial für Straßen und Häuser. Die Staubfahnen von Sprengungen und offen liegendem Abraum wehten Tag und Nacht über ihr Dorf. Der Regen walkte die tödliche Fracht in die Wäsche. Kinder spielten in kontaminiertem Wasser.

“In Nagasaki wurde ich an die Kinder in unserem Pueblo erinnert.”

Informationen über Strahlengefährdung gab es kaum in jenen Tagen, als es den USA um atomaren Brennstoff und Sprengköpfe ging. Nicht etwa die ersten Berichte über Krebserkrankungen im Abbaugebiet, sondern sinkende Nachfrage führten 1982 zur Schließung von Jackpile, einer gigantischen Landschaftswunde, die weitere sechs Jahre lang offen lag – sechs Jahre, in denen radioaktiver Staub über die trockene Hochebene wehte und in Flüsse und Bäche schwemmte.

Seit 1995 betrachten die US-Atombehörde und die Ex-Betreiber das Gebiet als regeneriert und als sicher versiegelt unter angeschobenen Erdmassen. Für Dorothy Purley war die Angelegenheit damit allerdings nicht beerdigt. Sie kümmert sich seither um die Ansprüche verstrahlter Opfer, Ex-Minenarbeiter und Anlieger, entwickelte für die lokalen Grund- und Mittelschulen aufklärendes Unterrichtsmaterial, informierte die Stammesführer verschiedener Indianernationen über Schäden und Langzeitfolgen.

Derzeit widmet sie ihre ganze Kraft den Bemühungen, den enggefaßten Kreis derer auszuweiten, die den Radiation Exposure Compensation Act von 1990 (Gesetz zur Entschädigung Strahlengeschädigter) in Anspruch nehmen können. Sie sprach auf nationalen und internationalen Colloquien, beeindruckte die Menschen in Nagasaki und in etlichen europäischen Ländern, ist nach wie vor aktiv im Indigenous Environmental Network, hat sich autodidaktisch zu einer Expertin für “Anreicherung von Radioaktiviät in Nahrungsketten” geschult. Eine traditionell geprägte Indianerin ist auf dem Kriegspfad: gegen die fahrlässigen Töter. Und für den Frieden mit der Natur. Und bisher konnte sie nicht einmal Krebs aufhalten.

–Claus-Peter Lieckfeld