The
Nuclear-Free Future
Award

in the Category


RESISTANCE

is presented to

GRACE THORPE

USA

Los Alamos
26 September 1999

Grace Thorpe

Alle fünfzig Staaten der USA hatten den heißen Deal abgelehnt: Gouverneure haben keinen Hang zum politischen Selbstmord; folglich wollte auch keiner für eine 100 000 Dollar-Zuwendung hochradioaktiven Müll bei sich zuhause verscharren lassen. Da hatten Atombehörde und Kraftwerksbetreiber eine Idee: Schieben wir es doch denen unter, die zu unwissend und arm sind, um große Geldbeträge abzulehnen – den Indianern in ihren Reservaten. Ende der Achtziger noch schien der Plan aufzugehen. Doch dann, 1991, war da plötzlich “die Frau mit der Kraft des Windes, der sich vor dem Sturm aufmacht”: No Ten O Quah. So der indianische Name einer heute 75jährigen Frau, in deren Paß Grace Thorpe steht. Sie hatte 1983 in der US-Presse Profil gewonnen, als es ihr gelungen war, die unrechtmäßig aberkannte Goldmedaillie ihres Vaters, der amerikanischen Sportlegende Jim Thorpe, als vollgültig zurückzubekommen.

Der Kampf, den sie acht Jahre später begann, war anfangs weniger pressewirksam, erwies sich aber als ungleich wichtiger. Grace Thorpe hatte erfahren, daß ihr Stamm, die Sac and Fox Nation – genau wie 16 andere native American tribes – bereit war, den 100 000 Dollar-Köder zu schlucken. Und sie stellte erschüttert fest, daß sich ihre Leute völlig im Unklaren waren, worauf sie da im Begriff waren sich einzulassen. Grace Thorpes Kampf gewann schnell olympische Dimensionen, und ihre argumentative Kraft zerriß die mal fein, mal grob gesponnenen Maschen der Atom-Lobby:

“Der Große Geist hat uns aufgetragen, daß wir die Verbindung zu Mutter Erde heilig halten.”

“Sollte es etwa die Aufgabe der Indianer sein, die Probleme der Nuclear-Industrie zu lösen? Wohl kaum. Indianer neigen nicht dazu, Dinge herzustellen, die sie nicht gefahrfrei wieder loswerden können.”

Nachdem die Windfrau die erste Schlacht zuhause gewonnen hatte, gründete sie NECONA (National Enviromental Coalition of Native Americans), um landesweit Reservate vor der dumping lobby zu retten. Bis heute haben sich mehr als siebzig Stämme NECONA’s Richtlinien angeschlossen. Obwohl gesundheitlich schwer angeschlagen, war Grace Thorpe in den Neunzigern auf unzähligen Foren, bei lokalen und landesweiten Info-Kampagnen, in Gremien und Zusammenschlüssen die Speerspitze im Kampf für Tribal Nuclear Free Zones. Eine Speerspitze mit zwei scharfen Schneiden: Zum einen eignete sie sich die wissenschaftliche Kompetenz an, den Verharmlosungsversuchen der Betreiber entgegentreten zu können. Zum anderen kann sie den Betroffenen aus dem Herzen sprechen: “Der Große Geist hat uns aufgetragen, daß wir die Verbindung zu Mutter Erde heilig halten. Und heilig ist auch unsere Verpflichtung für alle Mitgeschöpfe. Daher ist es schmerzlich und zutiefst beunruhigend, daß die Regierung der Vereinigten Staaten und die Nuclear-Industrie offenbar die Absicht hegen, auch das wenige Land, das uns verblieben ist, auf immer und ewig zu ruinieren.” Im Kampf gegen dieses Schicksal ist es den Indianern Nordamerikas gelungen, ihre Isolation der letzten Jahrhunderte aufzubrechen. Grace hat entscheidenden Anteil daran, daß ihr Kampf für atomfreies Stammesland sich heute verknüpft: mit der Öko-Bewegung, mit den US-anti-nuke-Aktivisten und den diversen Initiativen für Alternativ-Energie. Das Netz beginnt zu tragen.

–Claus-Peter Lieckfeld