The
Nuclear-Free Future
Award

in the Category


SOLUTIONS

is presented to

THE BAREFOOT COLLEGE
OF TILONIA

INDIA

Berlin
15 October 2000

The Barefoot College of Tilonia

Seit drei Jahrzehnten demonstrieren Tilonia und sein Barefoot College etwas, das zwar prinzipiell als richtig erkannt aber selten berücksichtigt wird: Technischer Fortschritt, auch angepaßte Technologie, muß durch die Köpfe, Herzen und Hände derer gehen, die fortschreiten sollen und wollen.

..

Die Gründer des Barefoot College im abgelegenen Wüstendorf Tilonia (Rajasthan) hatten 1971 eine dieser raren Ideen, die sich als dauerhaft-tragfähig erwiesen – auch unter extremer Belastung. Die Pioniere sagten sich in Anlehnung an Mahatma Gandhi – und sie sagten es vor allem den Skeptikern auf Seiten der offiziell-staatlichen Entwicklungshilfe: “Simple people can do it!”

..

Für das Projekt, das schnell unter dem Namen des Zentralortes Tilonia bekannt wurde, bedeutet das erst einmal: Die Energieversorgung kann nur dann zufriedenstellend funktionieren, wenn sie wirklich und faktisch in den Händen der ländlichen Bevölkerung liegt. Die Tage eines Solarmoduls im staubigen Randgebiet der Wüste Thar wären nämlich schon bei Montage gezählt, wenn die Dörfler auf Reparatur-Trupps in den entfernt liegenden Städten und Verwaltungszentren angewiesen blieben. Die nämlich pflegen säumig, gar nicht oder nur gegen Extrazuwendungen zu kommen, die ein armes Dorf nicht zahlen kann. Also: Selbst ist der Mann und die Frau – was im konservativsten Bundesstaat Indiens alleine schon unglaublich ist. Tilonia lernte nicht nur von Gandhi das Vertrauen in die praktische Intelligenz Ungebildeter, sondern auch von dessen zeitweiligen historischem Gegenspieler Winston Churchill. Der nämlich soll gesagt haben: Jede Mensch hat das Recht auf seine eigenen Fehler. Und so experimentierte man in Tilonia mit den neuen Energiequellen, begrüßte Fehler wegen ihrer pädagogischen Nebenwirkungen, ging Schritt für Schritt voran, schulte Jungen aus den Dörfern in Löt- und Montagetechnik, vereinfachte High Tec-Lösungen für örtliche Belange, vermittelte Frauen Computer-Kenntnisse.

..

“Einfache Leute können es schaffen!”

..

Tilonia und sein Barefoot College ist heute das einzige ländliche Entwicklungszentrum Indiens, das – seit 1986 – ausschließlich mit Solarstrom versorgt wird. Solide genug, um auch künftig vom labilen öffentlichen Stromnetz unabhängig zu sein. An der Sonne hängen 15 Computer, eine Telefonzentrale mit 250 Anschlüssen, E-mail, 500 Lampen für eine Bücherei, ein Speisesaal und 100 Haushalte. Ferner Pumpen der zentralen Wasserversorgung, ein Labor, ein Kreißsaal. Und das Bemerkenswerteste: 100 Abendschulen für Hirtenmädchen und -Jungen aus dem weiten Umkreis. Hier läßt sich deutlich die Nahtstelle zwischen moderner Technologie und der gelebten Maxime »Hilfe zur Selbsthilfe” ertasten: So wünschenswert die Abschaffung von Kinderarbeit im ländlichen Indien ist, so illusorisch ist sie auch. Für Bildung bleiben da nur die Abendstunden, und seit die mit Solarlicht erhellt sind, funktioniert Schule – und das nicht nur, was den nrmalen Wissenstransfer anbelangt. Das Barefoot-Schülerparlament hat Vollmachten und Kompetenzen wie kaum ein Schülerparlament in den USA oder Europa: Faule Lehrer, sofern es sie denn doch gibt im rührigen Tilonia, kann die gewählte Schüler-Premierministerin unwiderruflich entlassen. Solarlicht schaffte auch die Voraussetzungen für nächtliche Frauenversammlungen – die sonst traditionell nach Einbruch der Dunkelheit daheim bleiben. Erleuchtung hat mit Licht zu tun.

..

Besonders stolz ist das Barefoot College auf seine Exporte. In Ladakh installierten Tilonia-geschulte Barfuß-Ingenieure über 1000 Solarmodule. Mit einer entscheidenden Bedingung: Die Gemeinden im indischen Himalaja müssen ihre künftigen Barfuß-Solaringenieure selber auswählen und den Transport der Paneele selbst bewerkstelligen.

..

–Claus-Peter Lieckfeld