The
Nuclear-Free Future
Award

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RESISTANCE

is presented to

NADEZHDA KUTEPOVA and
NATALIA MANZUROVA

RUSSIA

Berlin
10 April 2011

Nadezhda Kutepova und Natalia Manzurova

Wo könnte eine Organisation namens “Der Planet der Hoffnung” beheimatet sein? In einer gesunden Landschaft voll blühender Biogärten? In einer Mustergemeinde für erneuerbare Energie?

Die Organisation “Planeta Nadezhd” liegt in einer verstrahlten, vergessenen Region, anderthalb tausend Kilometer südlich von Moskau, wo seit einem atomaren Unfall in einer Atomwaffenfabrik (1957) die Menschen an Leukämie-,Lymphdrüsen- und anderen Krebsarten sterben.
Majak heißt nach ihrer Zentralstadt jene Region – die von russischer Regierungsseite im Wortsinne totgeschwiegen wird.

Nadezhda Lvovna Kutepova, 40, deren nächste Verwandte Krebsopfer wurden, hat 1999 die Selbsthilfeorganisation mit dem hoffnungsvollen Namen mitbegründete. Oberstes Ziel war und ist es vor allem, die Menschen in der “geschlossenen Stadt” Majak über Strahlungsdosen, -gefahren und über ihre Rechte aufzuklären.
Der “Hoffnungsplanet” schuf ein Parlament der Betroffenen, vermittelte Fachkenntnisse, trug den Protest bis auf den Roten Platz in Moskau, suchte und fand Unterstützung im Ausland, setzte trotz staatlicher Blockaden qualifizierte Untersuchungen im Sperrgebiet durch.

Nadezdas Mitkämpferin, die Radiologin Natalia Manzurova, 59, ist eine der wenigen “Liquidatorinnen”, die ihren Einsatz in den verstrahlten Gebieten um Tschernobyl bis heute überlebt hat. Sie leidet an Schilddrüsenkrebs; an ihrem Hals trägt sie das “Tschernobyl-Kollier”, die typische Schilddrüsen-Operationsnarbe so vieler Liquidatorinnen. Aber für Angst vor dem Tod hat sie keine Zeit. Es gilt, die Lebenden zu schützen. Ein Brief, den sie jüngst für “Planet der Hoffnung” an Angela Merkel aufsetzte, hat möglicherweise den Erfolg, dass nicht, – wie geplant – deutscher Atommüll nach Majak verfrachtet wird.

“Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben werden, aber ich möchte den Menschen von Tschernobyl berichten, mein Leben lang!”

Manzurova muss mit ihren Kräften haushalten. Vertreterinnen von Women in Europa for a Common Future sagte sie: “Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben werden, aber ich möchte den Menschen von Tschernobyl berichten, mein Leben lang! Das ist nicht nur mein Leben und meine Lebensgeschichte, sondern die Geschichte unseres ganzen Landes.”

Ein besonderes Augenmerk der beiden Hoffnungs-Planetarierinnen gilt einer Gefahr, die im heutigen Russland von offizieller Seite – wie üblich – verschwiegen wird. In der strahlenbelasteten Majak-Region trocknen Seen und Flüsse aus, deren Sedimente hoch strahlenbelastet sind – wesentlich durch Einleitungen aus der örtlichen Wiederaufarbeitungsanlage. Bisher waren die radioaktiven Partikel von Schlamm und Wasser bedeckt. Fast beunruhigender noch als diese Entwicklung ist die “Beruhigung” durch offizielle Stellen: “Die Bevölkerung hat nichts zu fürchten, die Verantwortlichen haben die Situation voll im Blick”, sagte ein Offizieller Natalia Manzurova am Telefon, bevor er einhängte. Aber weder sie noch Nadezhda Lvovna Kutepova werden sich abhängen lassen.

Experten sagen voraus, dass großflächige Wald- und Torfbrände, wie sie 2010 wochenlang die Weltpresse beschäftigten, keineswegs einmalige Ereignisse gewesen sind. Der Klimawandel, der Wäldern und Torflagern viel ihrer natürlichen Grundfeuchtigkeit entzieht und sie damit feueranfällig macht, setzt die GAUs von gestern wieder auf die Tagesordnung.

Die Welt ist bis in die letzten Winkel medial vernetzt, aber wir haben nur die Kutepovas und Manzurovas dieser Welt, um uns zu warnen.

– Claus-Peter Lieckfeld