The
Nuclear-Free Future
Award

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RESISTANCE

is presented to

JHARKANDIS ORGANISATION
AGAINST RADIATION

INDIA

Jaipur
28 November 2004

Jharkandis Organisation Against Radiation

Sollen spätere Generationen entscheiden, ob es fahrlässige Tötung, Totschlag oder Mord war. Unsere Aufgabe ist es, dem Uranabbau ein Ende zu bereiten. Die besondere Schwierigkeit dabei klingt paradox: Uranabbau findet nicht statt – nicht in der Diskussion um Kernenergie und Atomwaffen. Dabei markieren die Uranminen immer den Beginn der radioaktiven Kette aller Nuklearindustrie. Bereits Probebohrungen in uranhaltigem Gestein können die Grundwasservorkommen einer Region verseuchen. Meistens sind es die Lebensräume indigener Stammesvölker, in denen Uran abgebaut wird – das menschenleere Antarktika ist der einzige Kontinent, der von Uranabbau bisher verschont blieb.

Betroffen sind die Arbeiter und Anwohner, die Stäube aus nächster Nähe einatmen, aber auch Menschen, die in einiger Entfernung von einer Uranmine verseuchtes Wasser trinken, das über weite Strecken den Tod einsickern lässt und ins Land schwemmt.

Seit Jahrzehnten betreibt die Uranium Corporation of India Ltd (UCIL) Uranabbau im Bezirk Singhbhum, im Bundesstaat Bihar. Das Gebiet gilt als eines der waldreichsten Asiens und ist reich an Bodenschätzen aller Art. Das war offenbar Grund genug, etliche indigenen Siedler, die “Adivasis” (erste Siedler), zu enteignen und zu vertreiben.

Dass dieses Unrecht nicht umstandslos in Vergessenheit geriet, lag und liegt an Mut und Widerstandsgeist der Adivasis, die auch durch schießwütige Polizisten nicht zur Aufgabe gezwungen werden konnten. Zentrum des Widerstandes ist die von Ghanshyam Birulee geleitete Jharkandis Organisation Against Radiation (JOAR). Schon 1971 gelang es den Widerständlern im “Waldland” (Jharkand) die UCIL effektvoll zu bestreiken; die Produktion fiel über etliche Monate aus.

“Der Besitz eines Geigerzählers ist in Indien strafbar!”

Die Lobby schlug zurück – meist mit staatlicher Amtshilfe. In einem Bericht von JOAR heißt es: “Am Morgen des 27. Januar 1996 drangen unter dem Schutz von Polizei und paramilitärischen Kräften UCIL-Bulldozer in das Dorf Chatijkocha ein. Ohne jede Vorwarnung fingen sie an Häuser niederzuwalzen. Etwa 30 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, Felder verwüstet, Andachtsstätten und Gräber entweiht.” Herbei eilende Menschen aus umliegenden Dörfern konnten weiterer Verwüstung Einhalt gebieten.

In diesem gnadenlosen Kampf setzt die UCIL natürlich auch die bewährte Taktik “Spalte den Gegner” ein. So sollte zum Beispiel jedes über 18jährige männliche Mitglied einer vertriebenen Familie eine Einstellungsgarantie bei UCIL erhalten. Bezeichnenderweise die einzige Zusage, die teilweise erfüllt wurde.

Die Aktivisten von JOAR wurden mit Prozessen überzogen. Nolens volens wurden sie zu Experten in indischem Prozess-Recht.

Und 1997 zwang JOAR die UCIL sogar, in einem Radius von 2 km um die Uranmine insgesamt 712 Dorfbewohner untersuchen zu lassen. Das Ergebnis war von der Art, wie es Betroffene weltweit kennen: Ein Zusammenhang zwischen offensichtlich vorhandenen erhöhten Krebsraten und radioaktiver Niedrigstrahlung sei “wissenschaftlich nicht nachweisbar”. Aber, sagt Ghanshyam Birulee, der Vorsitzende von JOAR: “Der Besitz eines Geigerzählers ist in Indien strafbar!”

Also wird in der und um die Uranmine ohne wissenschaftlichen Nachweis statistisch überhöht an Krebs gestorben. Das politisch verantwortliche Indien scheint die Region denn auch – sozusagen als “Opfergebiet” für sein ehrgeiziges Nuklearprogramm – abgeschrieben zu haben. Wie anders ist es zu erklären, dass auch noch gleich Atommüll aus Haiderabad – dort wird Uran verarbeitet und aufbereitet – ins “Waldland” zurückgeholt und hier deponiert wird?

JOAR hat die Leiden kranker Arbeiter und Anlieger und die Missbildungen bei Kindern mit Video dokumentiert (Buddha Weeps in Jadugoda, 1999), hat unter schwierigsten Bedingungen Öffentlichkeitsarbeit geleistet, hat das Parlament immer wieder bedrängt, nicht den Versicherungen der Uran-Lobby, sondern dem eigenen Augenschein zu glauben. Bisher vergeblich.

Indien ist eine Demokratie. Seine Presse ist freier als die in den allermeisten Weltgegenden – große Teile Europas inbegriffen. Aber der mit Rupien unterfütterte Filz, offener oder versteckter Unterschleif, Gefälligkeitspolitik und Bestechlichkeit – all das hat seinen Ort, seinen sehr festen Wohnsitz auf dem Subkontinent.

Xavier Dias und Ajitha George repräsentierten JOAR 1992 auf dem World Uranium Hearing in Salzburg – der Initialzündung für den Nuclear-Free Future Award. Die beiden kamen frisch gestärkt und ermutigt nach Bihar zurück. Die Ehrung mit der diesjährigen Auszeichnung für Widerstand, so bleibt zu hoffen, wird die Aktivisten abermals beflügeln in einem Kampf, der zwar lokal ist aber dennoch von weltweiter Bedeutung.

–Claus-Peter Lieckfeld