The
Nuclear-Free Future
Award

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SPECIAL RECOGNITION

is presented to

ALEXANDER KMENTT

AUSTRIA

Washington DC
28 Oktober 2015

Alexander Kmentt

Der Mann, der sich unter K-und-K-Stuck einen Kleinen Braunen an die Lippen setzt, hat vor sich keine der Zeitungen aus dem österreichischen Blätterwald, wie sie in den Kaffeehäusern von Wien auch im digitalen Zeitalter immer noch in Holzleisen eingeschraubt an den Wänden hängen. Vor ihm liegen Ausdrucke, aus dem Internet, in die er gelbe Filzstift-Überstreichungen und rote Kugelschreiber-Ausrufezeichen setzt.

Sie handeln davon, dass – so die Meinung professioneller Politikforscher – die Chancen für einen Atomkrieg in letzter Zeit signifikant angestiegen sind; davon, dass die Folgen sogenannter “chirurgischer” (punktueller) Atomwaffeneinsätze, in horrender Weise verharmlost werden. Doppelt unterstreicht er ein Fazit des Artikels: “Die Zahl der bekannt gewordenen fast-Unfälle, Irrtümer, Fehleinschätzungen, technischen Probleme usw. zeigt, dass oft eher Glück als rationales Handeln Nuklearkatastrophen verhindert hat.”

Kurzum: Botschafter Alexander Kmentt, Jahrgang 1965, Leiter der Abteilung für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nonproliferation im österreichischen Außenministerium, liest gerade eine Analyse zu dem Thema, das ihn täglich umtreibt: „Die Sicherheit durch nukleare Abschreckung war und ist eine Schimäre und ein letztlich unverantwortliches russisches Roulette mit der Sicherheit und dem Überleben der gesamten Menschheit.”

Kmentt war von 2006 bis 2011 in der Comprehensive Test Ban Treaty Organization (CTBTO) tätig und damals wie heute organisiert er Foren und informiert eine Öffentlichkeit, die sich an die atomare Todesdrohung in horrendem Ausmaß gewöhnt hat. 2014 – hinter Kmentt lagen schon 15 Jahre Widerstand gegen die “Potentialität Atomtod” – sagte er einem Journalisten: “Die wichtigsten Erkenntnisse liegen auf der Hand. Zum Beispiel die Folgen von nuklearem Waffeneinsatz, dafür genügt ein Blick auf Gesundheit, Umwelt, Sozialwesen, Wirtschaft, Ernährungssicherheit – die Konsequenzen für all diese Bereiche sind erheblich größer als wir je gedacht haben und es gibt Untersuchungen, die plausibel erscheinen lassen, dass die Folgen weit schlimmer sein werden als die Tragödien von Hiroshima und Nagasaki.”

Bekannt, aber doch hinlänglich verdrängt, ist der Beinahe-Atomkrieg-Beginn, als am 29.9. 1983 auf einem sowjetischen Bildschirm der Oberst Stanislav Petrow etwas sah, was nach allem, was er gelernt hatte, nur ein atomarer Raketenangriff der NATO auf Russland sein konnte (war es nicht). Der historische Zufall, dem zu danken ist, dass es uns noch gibt, bestand darin, dass Petrow – zufällig – ein Mann ist, dem ein “Es-sieht-so-aus-als-ob …” nicht reichte, um einen atomaren Globalbrand per Knopfdruck zu entfachen. Kmentt stellt immer wieder die Frage, wie viele Zufälle, fast-Unfälle und Risiken à la 29.9.1983 die Welt noch in Kauf nehmen kann.

Und Non-Proliferation wird mittlerweile von vielen Staaten der Erde als gehobene Form der Heuchelei betrachtet, solange die etablierten Atommächte ihre (geringe) numerische Verringerung von Atomsprengköpfen kompensiert und überkompensiert: durch schärfere, schnellere, brutalere Waffen. Es gibt „keine richtigen Hände für die falschen Waffen“, wie dies UNO Generalsekretär Ban Ki-moon so treffend formuliert hat.

Botschafter Kmentt, Diplomat eines kleinen Landes, das sich am 5. November 1978 gegen die sogenannte friedliche Atomkraft entschied, ist mittlerweile weltweit einer der effektivsten Anwälte für eine nuklearfreie Welt geworden. Im Dezember 2014 wählte ihn die US. Arms Control Association zum “Arms Control Person of the Year”.

Er bestellt noch eine zweiten Braunen, rafft den Papierstapel zusammen und sagt auf die Frage, was er denn heute noch vorhabe: “Ich werde mich wiederholen. Es ist schon hunderttausend Mal gesagt, und es darf nicht einmal zu wenig gesagt werden.”