The
Nuclear-Free Future
Award

in der Kategorie


LEBENSWERK

wird überreicht an

PAULETTE und DIDIER
ANGER

Frankreich

SALZBURG
24 Oktober 2018

Paulette und Didier Anger

Der nordwestliche Zipfel der Normandie ragt in den Ärmelkanal und beginnt trügerisch grün – mit einem Naturpark, dahinter, zur Spitze hin, ändert sich das Bild: Hier liegt der Hafen von Cherbourg, hier laufen Atom-U-Boote ein und aus, von hier aus treten wiederaufbereiteter Atommüll und MOX Brennelemente ihre Reise nach Japan an, am Bahnhof von Valognes trafen jahrelang die verbrauchten Brennstäbe aus Deutschland ein, um in der Wiederaufbereitungsanlage von Le Hague eine Auffrischung zu erleben. Den Horizont stören hier die zwei Kühltürme der Reaktoren von Flamanville, ein dritter Reaktor ist im Bau.

Paulette und Didier Anger haben gegen all dies laut demonstriert, manchmal sogar über die Grenzen der Normandie hinaus, wie am Beispiel der Atommülldeponie Bure im Osten. 46 Jahre lang zogen sie alle Register. Jetzt wollen sie sich zurück ziehen, in den sogenannten Ruhestand, und wünschen sich daher Lehrlinge bei CRILAN (Comité de Réflextion, d’Information et de Lutte Anti Nucléaire) , jener Organisation, die sie gegründet, geleitet und geprägt haben. Denn zum Zurücklehnen ist kein Anlass, der Kampf geht weiter, junge Kämpfer, so ihr Wunsch, mögen sich an ihre Schreibtische setzen.

Didier Anger gilt als der Pate der französischen Anti-Atom-Bewegung. In der Normandie ist er bekannt wie ein bunter Hund, „Loup Blanc“ (weißer Wolf) sagen sie dort und meinen dasselbe. Die Obrigkeit weiß immer, wo sich der Loup Blanc aufhält: Wenn er Besucher zu den verschiedenen Nuklearanlagen fährt (Excursion à la Didier) , dann weiß er, dass in Kürze eine Polizeistreife im Rückspiegel auftauchen wird. Das lässt ihn schmunzeln, denn sie kennen ihn genau: Sie wissen, dass er bis zu seiner Pensionierung als Lehrer gearbeitet hat, dass er malt und sich in der Partei der Grünen politisch engagiert hat. Auch Paulette ist der Polizei bekannt, auch sie war im Schuldienst tätig, die Schüler liebten die Frau mit den funkelnden Augen und der warmen Art. Paulette ist die High-Tec-Person, während Didier Pinsel und Staffelei vorzieht, ist ihr Werkzeug der PC.

Das ehrwürdige Paar schätzen die Aufmerksamkeit nicht, wenn sie ihrer Person gilt; was sie erreicht haben, sagen sie, haben wir als Gruppe erreicht, und diese Gruppe ist Teil einer großen Bewegung. „Stimmt“, sagt Linda Gunter, die die beiden gut kennt, „ aber der Widerstand braucht Inspiration, Ideenreichtum und Hingabe, und darüber verfügen die beiden in hohem Maße.“

Natürlich waren viele ihrer Aktionen klassischer Art – Protestmärsche und Sit-ins – und brachten in den Regionen von Flamanville und Cherbourg schon mal 30 000 auf die Straße.

Die Angers waren und sind immer gut für eine Geschichte: Dieses Frühjahr hatten sie Japans früheren Premier Naoto Kan zu Besuch und gaben ihm entlang der Küste die nukleare Sightseeing Tour. Ein anderes Mal waren sie die Architekten einer „Mauer der Lügen“ (Mur de Mensonge), aus Ziegeln erbaut, mit Lügenzitaten tapeziert, 30 Meter lang, auf dem Weg zu Flamanville 3. Nicht zu vergessen, der Grabstein für den „unbekannten Verstrahlten“, der 100 Kilogramm wog. Das mächtige Monument war den Atombehörden ein Dorn im Auge. Eines Morgens war das Denkmal nicht mehr da. Die CRILAN-Aktivisten konnten sich nicht beruhigen, verschluckten sich fast vor Lachen, wenn sie darüber sprachen, wussten sie doch, wie viel Anstrengung es den Behörden gekostet haben musste, die Skulptur zu entfernen.

Jetzt ist der sogenannte Ruhestand angesagt. Zwar werden Paulette und Didier weiterhin den Atomstaat Frankreich im Auge haben und auch die eine oder andere Vorhersage wagen, doch vor allem werden sie auf der Terrasse sitzen und ihren Besuchern gute Gastgeber sein – mit drei verschiedenen Weinen und mindestens vier Sorten Käse. Ja, und die Tour übers Land, die lassen sie sich auch jetzt nicht nehmen, neben den nuklearen Sehenswürdigkeiten werden jetzt auch die schiefergedeckten Häuser, die Viehherden, die Kirchen, die historischen Gebäude der Normandie auf der Liste stehen, mit dem Hinweis, dass dies alles in Gefahr sei, wenn die Atomindustrie weiterhin das Sagen hat.