The
Nuclear-Free Future
Award

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AUFKLÄUNG

wird überreicht an

KARIPBEK KUYUKOV

Kasachstan

SALZBURG
24 Oktober 2018

Karipbek Kuyukov

Zu sagen, Karipbek Kuyukov habe alle Hände voll zu tun, um gegen die abscheulichen Kollateralschäden des atomaren Komplexes zu kämpfen, ist in der Sache richtig, könnte aber wie bemühter Zynismus klingen: Der Mann aus dem östlichen Kasachstan hat keine Hände. In einem kleinen Dorf, nur wenige Meilen von dem Ort entfernt, an dem die Sowjets 455 Atomwaffen-Tests durchführten, kam er ohne Arme zur Welt.

Karipbek Kuyukov ist “Opfer Zweiter Generation“ der sowjetischen oberirdischen Nukleartest, die zwischen 1949 und 1963 stattfanden. Die Tests setzten rund eine Millionen Menschen hoch dosierter Strahlung aus, verursachten Tod und entsetzliche Krankheiten. Der Tatbestand „fahrlässiger Bevölkerungsmord“ – den es im juristischen Sinne so nicht gibt – ist erfüllt. Nicht nur Explosionen verseuchten die Groß-Region; Stalins Baumeister der SU-Atommacht leiteten Abfälle aus der Plutonium-Produktion bis Anfang der Fünfziger in die Flüsse ab. Und abwehender radioaktiver Staub legte sich übers Land. „Noch mehr als 50 Jahre später ist das Erdreich so verstrahlt, dass westliche Geheimdienste befürchten, Terroristen könnten die Erde zum Bau einer schmutzigen Bombe benutzen.“ (DIE ZEIT, 2.9.2009)

Ein Drittel aller Neugeborenen kommt noch heute behindert zur Welt. Karipbek und andere Aktivisten berichten, dass die Menschen dort, wo die verstrahlte Erde nicht unter Beton versiegelt wurde, nach wie vor Gemüse anbauen, aus verstrahlten Gewässern trinken und Fische fangen. In den Körpern der Erben des Übels lagern sich Strontium 90, Cäsium 137 und Jod 131 an. Aber, dass der Tod offensichtlich Ernte hält, ist nichts, über das in Kasachstan oder in Russland – dem Rechtsnachfolger der untergegangenen Sowjetunion – berichtet würde.

Karipbek bricht das Schweigen. Er widmete sein Leben und seine Kunst (aufrüttelnde, mundgemalte Mahn-Bilder) dem Ziel „dass niemand mehr unter den schrecklichen Folgen atomarer Waffenproduktion und Waffeneinsatzes zu leiden“ hat.

Karipbek war Teil der Bewegung, die das Ende unterirdischer Bombentest in der Sowjetunion erstritt und schließlich 1991 auch die Schließung des Nuklear-Testgeländes in Kasachstan. Seither hat er nicht aufgehört, auf nationalen und internationalen Konferenzen (auch vor der UNO und dem US-Kongress) seine Stimme gegen Besitz, Weitergabe und Einsatz von Atomwaffen zu erheben.

Seine Rede im historischen Caucus Room des US-Kongresses riss im Jahr 2014 Botschafter, Abgeordnete und Pressevertreter zu stehenden Ovationen hin und gilt als ein entscheidender Anstoß zum SANE Act (Smarter Approach to Nuclear Expenditure), der 2017 vorgestellt wurde und Präsident Trumps Budget für das US-Atomarsenal um 100 Milliarden Dollar beschneidet.

Das spezifische Gewicht des Wahnsinns hat Karipbek nie und auch heute nicht die Kehle zugedrückt: „Ich habe keine Arme, aber ich winke den Atomwaffen mit euch zusammen Goodbye!“, rief er einer Menschenmenge zu, als die begann, seinen Ausführungen zu applaudieren.