The
Nuclear-Free Future
Award

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RESISTANCE

is presented to

YVONNE MARGARULA

AUSTRALIA

Salzburg
5 November 1998

Yvonne Margarula

Der Kakadu-Nationalpark im Northern Territory Australiens ist eine Landschaft der Superlative: Das Schutzgebiet birgt über 900 Pflanzenarten, rund 100 Amphibien- und Reptilienarten, geschätzte 10.000 Insektenarten, ein Drittel der australischen Vogelarten – und wohl eines der reichsten Uranvorkommen der Welt. Geschätzte 90.000 Tonnen Uran im Wert von bis zu acht Milliarden Dollar lagern unter der roten Erde, einer Erde, über die sich wie ein enggeknüpftes, unsichtbares Netz die Traumpfade der Aboriginals ziehen, der rechtmäßigen Besitzer und Hüter des Landes.

Die Unterhändler der Uranbergbaugesellschaft Energy Resources of Australia (ERA) mit ihren Vertragsentwürfen und Lizenzangeboten stießen bei Yvonne Margarula von den Mirrar auf taube Ohren. Als “Senior Traditional Owner” trägt sie die Verantwortung für ihr Land und für das Wohlergehen aller, die darin leben. Und daß die Gelder der Bergbaugesellschaft entweihtes Land nicht heilen, verseuchtes Wasser nicht reinigen, zerfallende Stammeskutur nicht kitten und alkoholisierte Menschen nicht retten können, hat sie in ihrer eigenen Jugend erlebt. Die kleine, barfüßige Analphabetin aus dem nordaustralischen Busch schickte die rethorisch geschulten Unterhändler unterverrichteter Dinge wieder fort.

Doch allein mit der Haltung “Simply say ‘No’!” wäre nicht viel gewonnen. Die Mirrar wären nicht die ersten Aboriginals, denen Einverständniserklärungen in den Mund gelegt werden, die sie nie gegeben haben. Yvonne Margarula und die Mirrar sorgten dafür, daß ihr Fall weit über die Grenzen des Northern Territory bekannt wurde.

Anfang 1997 begann ein Kampf, der bis heute andauert: Als erstes erreichte Yvonne, daß der Pachtvertrag für das Uranabbaugelände Jabiluka, der vom Northern Land Council im Namen ihre Volkes abgeschlossen wurde, vom Bundesgerichtshof für ungültig erklärt wurde. Dann beantragte sie, daß Kakadu von der UNESCO zur bedrohten World Heritage Site erklärt wird. Und schließlich – vielleicht der wichtigste Schachzug – verbündete sie sich mit Grünen und Studentenbewegungen, die ihre Solidarität in vielbeachteten Protestmärschen kundtaten.

“Wir sind reich an Tieren und Pflanzen, und wir sind reich an Uran. Darum: Hände weg von Jabiluka!”

Bis heute hat die Northern Land Council den Mirrar juristischen Beistand in diesem ungleichen Kampf verweigert, was Margarula und ihre Mitstreiter nicht hindert, ihre Sache mit dem Beharrlichkeit altgedienter Routiniers durchzufechten:

Mit spektakulären Aktionen und Demonstrationen vor der bereits bestehenden Ranger-Uranmine und an anderen Brennpunkten in Australien sorgten sie für Medienpräsenz.

Vertreter ihrer Gemeinschaft reisen in die dichter besiedelten südlichen Landesteile und halten Ansprachen über “Risiken und Nebenwirkungen” des Uranabbaus.Sie erstellen Informationsmaterial über ihre Kampagne in englischer Sprache und der Sprache der Aboriginals, betreuen Journalisten, besuchen die Aktionärsversammulngen des australischen Energieversorgungs-unternehmens ERA, um der Atomlobby ihre verschiedenen Tarnhemden auszuziehen. Nach Deutschland will sie im August kommen, denn die Bundesrepublik nimmt 15% des australischen Urans ab.

Gemeinsam mit anderen Nukleargegnern haben die Mirrar die “Alliance Against Uranium” gegründet und informieren Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften und politischen Gruppierungen über ihre dramatischen Erfahrungen mit der Uran-Industrie. Seit April dieses Jahres blockieren die Mirrar ihre heiliges Land, 55 Stammesmitglieder sind mittlerweile festgenommen. Der Kampf der Ureinwohner wird von den beiden größten australischen Umweltorganisationen, “Friends of the Earth” und “Australian Environmental Foundation”, unterstützt.

Yvonne Margarula (38) ist bereit, bis zum letzten zu kämpfen – ein Kampf nicht nur für eine nuklearfreie Zone im Norden Australiens. Ein Kampf auch für das Selbstbestimmungsrecht der Ureinwohner. Ein Kampf für die Unversehrtheit einer Natur, deren Schutz eigentlich die Aufgabe des Staates sein müßte. Ein Kampf dafür, daß das Argument des schnellen Dollars wenigstens hier nicht das letzte Wort behält.

–Claus-Peter Lieckfeld