The
Nuclear-Free Future
Award

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RESISTANCE

is presented to

SUN XIAODI

CHINA

Window Rock
1 December 2006

Sun Xiaodi

In der Provinz Gansu im Westen Chinas gibt es reiche Uranvorkommen. Eines der größten Bergwerke dort war die No. 792 Uranium Mine, 1967 eröffnet und 2002 wegen ‘Erschöpfung der Uranerzvorkommen’ offiziell geschlossen. Doch wie Phönix aus der Asche entstand an gleicher Stelle Longjiang Nuclear Ltd., eine privatwirtschaftlich betriebene Uranmine. Unter den Aktionären befinden sich viele lokale Politgrößen, die Aufsicht teilen sich die Provinzregierung und das Ministerium für Kernenergie in Peking. Dadurch ist es auch möglich, die altgedienten Bergarbeiter, die wenigstens ein bisschen über die Gesundheitsrisiken ihrer Tätigkeit wussten, zu vertreiben. Man stellt ihnen Strom und Wasser ab und heuert ahnungslose Wanderarbeiter an, die jedes Jahr ausgetauscht werden. Schon vor der offiziellen Schließung wurde radioaktiv verseuchtes Gerät aller Art nicht wie vorgeschrieben als Sondermüll entsorgt, sondern illegal in halb China verkauft.

“Die zuständigen Beamten haben Blut an den Händen”, sagt unser Preisträger Sun Xiaodi. Er managte auf dem weitläufigen Gelände der No. 792 Uranium Mine ein Lagerhaus. 1988 begann er Fragen zu stellen, Fragen nach den illegalen Verkäufen und der unzulänglichen Müllentsorgung, nach Gesundheitsschäden und Umweltverseuchung. (Zwei Flüsse, in die radioaktives Abwasser eingeleitet wurde, münden in den Jangtse.) 1994 wurde er entlassen, seine Frau verlor ihre Arbeit, ihre Tochter wurde in der Schule verprügelt.

Doch trotz aller Schikanen und zunehmender Repression gab Sun Xiaodi nicht auf. Ende April 2005 eskalierte die Situation. Sun hatte in Peking eine Petition überreicht und einem Journalisten von Agence France Presse ein Interview gegeben. Auf dem Weg zurück zum ‘Petitioner’s Village’ wurde er vor vielen Zeugen gekidnappt – ein Radler gegen zwei Autos voller Männer in Zivil.

“Die Beamten der Mine No. 792 haben Blut an den Händen.”

Monatelang hörte man nichts von Sun Xiaodi, dann teilte die Staatssicherheit einem Freund mit, der “Schwerverbrecher” sitze wegen “Geheimnisverrat” im Gefängnis. Ende 2005 kam er zwar frei, wurde aber mit allen möglichen Auflagen unter Hausarrest gestellt. Vor seinem Haus stand ein Wachtposten, kein Journalist oder Menschenrechtler kam zu ihm durch.

Ende März 2006 wurde der Hausarrest aufgehoben, wenige Tage später überreichte Sun Xiaodi in Peking wieder eine Petition. Er besuchte einen Kampfgefährten im Gefängnis und nahm an einer Demonstration für dessen Freilassung teil. Am 8. April 2006 wurde Sun wieder verhaftet und wieder hörte man lange nichts von ihm.

Jetzt (Anfang November) ist die Lage unübersichtlich. Menschenrechts-organisationen berichten generell von zunehmender Repression, ihre Arbeit wird ebenso wie die der Medien massiv behindert. Falls Sun Xiaodi z.Zt. wieder auf freiem Fuß ist, macht man wohl einfach sein Haus zum Gefängnis. Einen Pass, um den Nuclear-Free Future Award persönlich entgegenzunehmen, bekommt er auf keinen Fall. An seiner Stelle kommt Feng Congde, einer der Studentenführer vom Platz des Himmlischen Friedens 1989. Heute ist er Mitarbeiter des New Yorker Büros von Human Rights in China. In Peking gilt er, wie Sun Xiaodi, als Verbrecher.

Die Staaten, in denen unsere Preisträger für Wider stand oder Aufklärung im Gefängnis landen, sind Atom mächte – und sie mehren sich: nach Israel (Vanunu) und den USA (Dominikanische Ordensschwestern) dieses Jahr China. Die Aushöhlung des Atomwaffensperrvertrags und die Weltlage lassen befürchten, dass die Zahl der Atom mächte weiter zunimmt. Der Nuclear-Free Future Award wird auch in Zukunft Menschen und Organisationen ehren, die sich den offenkundigen und schleichenden von Menschen gemachten Katastrophen widersetzen.

–Wolfgang Heuss