The
Nuclear-Free Future
Award

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LIFETIME ACHIEVEMENT

is presented to

MARTIN SHEEN

GERMANY

New York City
29 September 2010

Martin Sheen

Anfang August 1999. Ein 59jähriger Mann überschreitet die gelbe Absperrungsschnur, die das Atom-Labor von Los Alamos, New Mexico gegen Demonstranten gezogen hat. Er will gemeinsam mit rund 400 Menschen daran erinnern, dass hier die Atom-Bomben produziert wurden, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zwei japanische Städte auslöschten. Dass mehr Fotografen und Journalisten als üblicherweise davon Notiz nehmen, liegt daran, dass der Demonstrant weltweit bekannt ist, aus Filmen wie “Apocalypse Now” oder “Gandhi”. Martin Sheen ist Charakterdarsteller mit Charakter; und sein Rollenspiel vor der Kamera hat ihn nie dazu verführt, die Rolle des satten Erfolgsmenschen auszuleben. Mit Blick auf die Bombenfabrik rezitiert er ein Teil aus “Geetanjali” von Rabindranath Tagore:

Wo der Geist ohne Furcht ist,
das Haupt man hoch trägt,
Wo Erkenntnis frei ist,
Wo die Welt nicht durch enge Grenzen
zerstückelt wird,
Wo die Worte dem Quellgrund
der Wahrheit entspringen,
Wo unermüdet das Streben den Arm
zur Vollkommenheit ausstreckt,
Wo der klare Strom der Vernunft nicht
im Wüstensand trockner Gewohnheit
versiegt,
Wo Du den Geist zu immer edlerem Denken
und Handeln bewegst,
In diesem Himmel der Freiheit, o Vater,
lasse mein Land erwachen!

Als er die gelbe Linie der Ordnungskräfte überschreitet, kniet er nieder und bete das Vaterunser. Darauf hin wird er mit anderen Demonstranten in Plastikhandschellen abtransportiert. Sein Kommentar: “Ich arbeite für den Sender NBC, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber ich tue dies hier, um am Leben zu bleiben.”

“Wir sind die Generation, die die Bombe brachte, und wir sind aufgerufen, sie wieder fortzubringen.”

Mit bürgerlichem Namen heißt er Ramón Antonio Gerard Estévez, am 3. August 1940 wurde er in Ohio geboren. Wenn man den vierfachen Familienvater, der sich schon gegen Reagans Star Wars Programm und immer wieder gegen Ökozid-Poltitik in seinem Land aufgelehnt hat, lobt, dann pflegt er abzuwinken: Nein, nein, Helden des Widerstandes sind andere, sind diejenigen, die alles,sogar das eigene Leben riskieren. Und er nennt dann Menschen wie Frida Berrigan, die an seiner Stelle den Preis für sein Lebenswerk entgegen nehmen wird, da seine Arbeit es ihm nicht möglich macht, nach New York City zu kommen.

Dennoch und gerade deshalb: Der Träger der Laetare-Medaille von 2008 (die Universität von Notre Dame ehrt Katholiken, “die das Welterbe der Humanität bereichern”) zeigt uns, dass man sein Gesicht zeigen kann und muss. Nicht nur vor der Kamera, sondern im richtigen Leben, das von einer inhumanen Technologie bedroht ist – einer Technologie gegen deren Ende sich immer noch Atom-Lobbyisten und ihre politischen Interessensvertreter stellen. Kein Wunder, dass die Medien ihn den “activist-actor” nennen, den Schauspieler, der sich einmischt in öffentliche Belange.

Christ sein bedeutet für ihn die Pflicht, sich einzumischen. Er sagt es so: “Frieden zu stiften ist, was die Welt von heute dringend braucht. Wir sind die Töchter und Söhne Gottes und das bedeuted, dass wir aufgerufen sind, als Friedensstifter zu wirken, ob wir wollen oder nicht.” Über 60 mal wurde der Friedensstifter schon verhaftet. Bei seinem Grundsatz wird er sich immer wieder den Handschellen aussetzen: “Wir sind die Generation, die die Bombe brachte, und wir sind aufgerufen, sie wieder fortzubringen.”

– Claus-Peter Lieckfeld