The
Nuclear-Free Future
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LIFETIME ACHIEVEMENT

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MAISIE SHIELL

CANADA

Salzburg
5 November 1998

Maisie Shiell

Auf Englisch klingt es, wie der gut gewählte Titel eines Lustspiels: “Nobody likes to mess with Maisie” (Keiner legt sich gern mit Maisie an). So beschrieb dier Cree-Indianerin Priscilla Settee vom “Indigenous Women`s Network” die Wirkung der vermutlich kampfstärksten Einfrauen-Armee Kanadas.

Die heute 85jährige gebürtige Engländerin war und ist der Schrecken aller kanadischen Prospektoren und Uranminen-Betreiber, die doch alle nur ihre friedlichen, widerspruchs-freien Desinformations-Veranstaltungen durchziehen möchten. Das “Schreckliche” daran: Maisie Shiell schlägt sie auf ihrem ureigensten Terrain, rechnet ihnen ihre Rechenfehler vor, erweist sich als absolut trittsicher in den unsicheren Gefilden der Strahlenphysik, verirrt sich nicht im Paragraphen-Dschungel. Und Maisie nennt eine Lüge eine Lüge.

Ihr Kampfgeist kommt nicht aus Härte, sondern aus mitfühlenden Herzen. Nach dem Krieg kümmerte sie sich im Rahmen der Rote Kreuz-Aktivitäten in Deutschland um Vertriebene und Hilfsbedürftige. In den fünfziger und sechziger Jahren – Maisie Shiell war ihrem kanadischen Mann nach Govan, Saskatchewan, gefolgt – arbeitete sie als Lehrerin und Journalistin. Berufung und Brotberuf, denn als ihr Mann 1965 starb, mußte sie ihre vier Kinder allein ernähren. Gleichwohl blieb ihr für “neben”amtliche Tätigkeiten, für UNICEF, Friedes- und Dritte Welt-Projekte, genügend Kraft und Energie.

“Ich weiß, das mein Beitrag zählt – so klein er auch immer gewesen sein mag.”

Zu ihrem spät-gefundenen Lebensthema kam Maisie 1976; ihr fiel auf, daß der Umweltminister von Saskatchewan anläßlich einer UN-Konferenz in Vancouver Auskünfte zur regierungsamtlichen Uran-Politik Kanadas strikt verweigerte. Dieses Schweigen schien ihr Bände zu sprechen – Bände in die sich detaillierter Einblick lohnen könnte.

Die damals 61Jährige begann sich fit zu machen, studierte die Rechtslage, las Krankenstatistiken in Abbaubebieten, korrespondierte mit Experten, lernte rasch deren Sondersprache ins Allgemeinverständliche zu übersetzen. Seither hat sie nicht locker gelassen, hat alle erreichbaren Foren, Leserbriefspalten, Vortragssäle genutzt, um Nachrichten zu verbreiten: über Urantagebau, Endlagerung, vorgebliche Betriebssicherheit von Anlagen und nicht zuletzt über das Netzwerk einer Politik, die vieles deckt und zudeckt. Von Maisie Shiells Zuarbeit profitieten viele lokale und überregionale Initiativen gegen die nukleare Bedrohung.

Maisie Shiell auf seiner Seite zu wissen, so sagen die Anti-Nuke-Aktivisten in Kanada, gibt einem ungefähr das gleiche gute Gefühl, das ein erprobt guter Anwalt seinen Klienten vor Gericht vermitteln kann. Maisie macht glaubwürdig. Und weil Glaubwürdigkeit nicht nur eine Sache gesprochener und geschriebener Worte ist, boykottiert sie ihre Lokalzeitung. Nicht etwa daß die mehr lügt als branchenüblich ist, nein, die Stadt Regina, wo das Blatt erscheint, hat keine Papier-Recyclinganlage. Nur ein Zeichen? “Bevor ich diese Welt verlasse” sagt Maisie “will ich die Zufriedenheit, es wenigstens versucht zu haben. Ich weiß, das mein Beitrag zählt, so klein er auch immer gewesen sein mag.” In diesem Fall, gilt das “Don`t-mess-with-Maisie” nicht, wir widersprechen entschieden: Es ist gewaltig viel, was die Großmutter der Kanadischen Anti-Nuke-Bewegung in Bewegung gesetzt hat.

–Claus-Peter Lieckfeld