The
Nuclear-Free Future
Award

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SPECIAL RECOGNITION

is presented to

JILLIAN MARSH

AUSTRALIA

Munich
24 October 2008

Jillian Marsh

Wenn eine Kämpferin, die sich vor Ort den Wind um die Nase wehen lässt – in diesem Fall den uranstaubhaltigen Wind! – in die Bibliotheken geht, dann kann das kein Rückzug sein. Als die Australierin Jillian Marsh vom Volk der Adnyamathanha im Jahre 2004 insgesamt drei Doktoranden- Stipendien akzeptierte, stand für sie außer Frage, dass ihre künftige “indoor”-Arbeit Teil ihres bisherigen “outdoor”- Lebens sein muss: Kampf für ein Australien, das mit seiner Uran-Abbaupraxis nicht weiterhin Kultur, Gesundheit und Leben der indigenen Bevölkerung gefährdet und ruiniert.

Als Mitglied der Australien Nuclear Free Alliance (ANFA) beschäftigte sie sich kritisch mit Australiens gängiger Praxis der Umweltverträglichkeitsprüfung in Sachen Uran-abbau. Jillian’s besonderes Augenmerk galt dabei einer vergleichenden Betrachtung von Wissenschaftsethik einerseits und indigener Untersuchungsmethoden andererseits – also der Frage: Wie lösen “meine Leute” – anders als Staat und Bergbaugesellschaften – von jeher komplexe Probleme? Angesichts einer Regierung, die für profitablen Uranabbau weiterhin Land, Kultur und Leben der Ureinwohner aufs Spiel setzt, ist Jillians wissenschaftliche Arbeit trotz aller gebotenen Akkuratesse immer wieder so etwas wie Kriegsberichterstattung.

Und diesen Krieg hat sie seit 1990 – anfangs “zuhause” im Rahmen der Flinders Ranges Aboriginal Heritage Consultative Committee – mit ausgefochten. Zu den größeren Erfolgen zählt ihr maßgeblicher Anteil an der Durchsetzung der “Native Title Legislation” bei Exploration und Betrieb der Beverley Uran-Mine. Dieser “Titel” besagt, dass traditionelle Rechte und Ansprüche der Ureinwohner vom australischen Landesrecht berücksichtigt werden. Dieser “Titel” sorgt jedoch keineswegs für reibungslose Abwicklung von Landansprüchen.

“Alle Australier müssen ihr Denken entkolonialisieren und als Bürger endlich erwachsen werden und lernen, Verantwortung zu übernehmen.”

Für ihre Aufklärungsarbeit rund um die Beverley Uranmine und in anderen Teilen des Kontinents erhielt Jillian Marsh 1998 den Jill-Hudson-Umweltpreis. Sie ist eine Brückenbauerin zwischen den Adnyamathanha und den weißen Umweltorganisationen. So kämpfen die Menschen mit den Jahrtausende alten Rechten und ihren emotionalen Bindungen zu Bergen und Flüssen heute Seite an Seite mit den engagierten weißen “Neubürgern”, wenn es darum geht, den “Fortschritt” in die Schranken zu weisen: den Schritt in Richtung Not, Elend und Krankheit – fort von nachhaltiger Subsistenzwirtschaft – wie er durch großflächige Uran- Gewinnung im Tagebau unweigerlich übers Land gebracht wird.

Sie ist immer wieder Zeuge eines Zusammenpralls verschiedener Zeitbegriffe: Da ist die Traumzeit, die sich als Erinnerung in jede kommende Generation vererbt und alle Aborigines mit ihrem Land verbindet. Und da ist die Uhr, nach der die Arbeiter von Heathgate Resources Ltd., ein Tochter des US-Konzerns General Atomics, mit der Methode des In-situ leach in der Beverly Uran-Mine das Uran fördern und gleichzeitig die Grundwasservorkommen mit Schwermetallen, Säuren und Radionukliden kontaminieren. Die Beteuerungen, die Region werde nach Beendigung wieder saniert, ist aus indigener Sicht wertlos: “Für uns Adnyamathanha gibt es im Grunde keine Sanierung, denn sobald etwas gestört oder zerstört worden ist, ist es in seiner Urform verschwunden, wie Land, dem man das Uran auf so drastische Weise entzogen hat. Eine spirituelle und physische Einheit, deren Ganzheit ruiniert ist, kann nie mehr ganz werden.”

Jillians Forderung: “Alle Australier müssen ihr Denken entkolonialisieren und als Bürger endlich erwachsen werden und lernen, Verantwortung zu übernehmen.”

–Claus-Peter Lieckfeld