The
Nuclear-Free Future
Award

in the Category


RESISTANCE

is presented to

INVERHURON AND DISTRICT RATEPAYERS ASSOCIATION

CANADA

Berlin
15. October 2000

Inverhuron and District Ratepayers Association

Im Jahr 1985 bekam das Leben des kanadischen Schaffarmers Eugene Bourgeois eine Wende. Er geriet in eine Schwefelwasserstoff-Wolke, die aus einem Schwerwasser-Reaktor von Ontario Hydro entwichen war. Schwefelwasserstoff ist bei der Produktion von Schwerem Wasser im Einsatz. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er die Nachbarschaft der größten nordamerikanischen Atomanlage – bildbeherrschend am Lake Huron/Ontario gelegen – gelassen hingenommen. Bourgeois wurde fast bewußtlos, brachte sich stolpernd in Sicherheit, und mußte in den folgenden Jahren erleben, daß diese Art “Störfälle” offenbar zum “Normalbetrieb” gehörten. Seine Schafe hatten gehäuft schwere Geburten, die Sterblichkeit der Lämmer schnellte in die Höhe, Tiere erblindeten vorübergehend. Eugene blieb keine Wahl; da kaum anzunehmen war, daß Ontario Hydro künftig auf menschliche und tierische Gesundheit Rücksicht nehmen würde, entschloß er sich zum Widerstand.

Die erste Lektion, die er lernen mußte, betraf ein weltweit verbreitetes Phänomen: die Arroganz der Macht. Dazu Bourgeois: “Es sind nicht die Vorfälle an sich oder ihre Folgen, die mich entsetzt haben, sondern daß die Ontario-Leute behaupten, diese Vorfälle hätten sich nie ereignet.” Immerhin wurde Eugen gerichtlich mittlerweile eine 35-prozentige Wertminderung seines Besitzes bescheinigt, wogegen Ontario Hydro Widerspruch einlegte.

In der Bürgerorganisation “Inverhuron and District Ratepayers Association (IDRA)” fand Bourgeois Gleichgesinnte und Mitstreiter. Die zwei führenden Köpfe der Gruppe, Normand de la Chevrotiere und Robert MacKenzie, hatten in Erfahrung gebracht, daß Ontario Hydro seit längerem radioaktive Abfälle der niedrigen und mittleren Kategorie heranschaffen ließ, und daß hochradioaktive Abfälle folgen sollten. Außerdem wurde ihnen zugetragen, daß der Einsatz von MOX-Brennstäbe geplant sei. Alarmierender noch als diese Nachrichten erschien den dreien, daß über all dies in der Öffentlichkeit fast nichts bekannt war.

“Es sind nicht die Vorfälle, die mich entsetzt haben, sondern daß die Ontario-Leute behaupten, diese Vorfälle hätten sich nie ereignet.”

Die IDRA begann, das zu ändern. MacKenzie lernte – quasi aus dem Stand – den Umgang mit Presse und Anwälten. Norm, professioneller Versicherungs-statistiker, bewährte sich als Kontaktperson zum Atomic Energy Control Board – der kanadischen Atom-Aufsichtsbehörde. Eugene schulte sich zum Experten in Sachen Schwefelwasserstoff. IDRA und Eugene organisierten kritische Öffentlichkeit und wissenschaftliche Kompetenzen, als es darum ging, im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung Ontarios Hydro’s wahre Absichten offenzulegen. Es stellte sich heraus, daß in 2000 oberirdischen Silos an die 750 000 Brennstäbe mindestens 90 Jahre gelagert werden sollte. Mit anderen Worten: eine schleichende Grenzverwischung zwischen “Lagerung” und “Entsorgung” war vermutlich das, was Ontario vorschwebte. Immerhin erreichte der Bürgerprotest 1998 die vorläufige Stillegung des Schwerwasserreaktors – ein Etappensieg, wenngleich ein wackeliger: Die drei Anti-Ontario-Hydro-Aktivisten sind voll berufstätig. Wissenschaftliche Expertisen haben sie selbst bezahlt, oder durch Spendenaktionen sichergestellt. Ihr Hauptziel ist es seit Jahren, das Umweltministerium zu bewegen, den ganzen Ontario Hydro-Komplex einer Umweltverträglichkeitsprüfung zu unterziehen. Im November schienen sie ihrem Ziel nahe zu sein, woraufhin sie ihre Eingaben einreichten.Doch aus den Händen der staatlichen Behörde, der Canadian Enviromental Assessment Agency (CEAA), gelangten die Unterlagen offenbar direkt an Ontario Hydro. Wenn sich dieser dringende Verdacht bestätigt, wäre bewiesen, was Anti-Atom-Aktivisten in Kanada seit langem erklären: Der kanadische Staat handelt im Zweifelsfall als Agent der Atom-Industrie, nicht als Sachwalter von Bürger-Gesundheit und -Interessen.

Die drei vom Lake Huron sind vorläufig finanziell ausgeblutet … aber noch nicht entmutigt und besiegt.

–Claus-Peter Lieckfeld