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Nuclear-Free Future
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LIFETIME ACHIEVEMENT

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INGE SCHMITZ-FEUERHAKE

GERMANY

Munich
12 October 2003

Inge Schmitz-Feuerhake

Journalisten kennen das: Man ist einer bedrohlichen Sache auf der Spur, einer Sache, von der die Öffentlichkeit dringend Kenntnis haben sollte. Aber dann zuckt die Gewährsperson plötzlich zurück: Das kann ich öffentlich nicht sagen, das kostet mich den Job! Nicht so Inge Schmitz-Feuerhake: Die Physikerin und Mathematikerin hat ihre Freiheit, Kritik zu üben und falsche Sicherheiten anzugreifen, immer über die eigene ökonomische Sicherheit und eine geruhsame Universitätskarriere gestellt.

Anfangs, Mitte der Sechziger, war ihre Doktorarbeit über Dosimetrie von radioaktivem Fallot ein gutes Eintritts-Ticket für die Bremer Universität, die sich selbst als kritisch verstand. Inge Schmitz-Feuerhake erhielt schon bald eine Professur für Strahlendosimetrie, Strahlenrisiko und Medizinphysik. Doch dann fand man seitens der Universitätsverwaltung – vor allem mit Blick auf Drittmittel-Beschaffung – ihre detailliert begründeten Vorbehalte zur Gewichtung nuklearer Risiken unzweckmäßig. Und weil in diesen delikaten Angelegenheiten selten mit offenem Visier gefochten wird, denunzierte man ihre Arbeiten als “nicht wissenschaftlich”.

1986 brachte die Katastrophe von Tschernobyl die Beschwichtiger und Verharmloser in die Defensive. Inge Schmitz-Feuerhake und ihre Arbeitsgruppe hatten endlich – für eine gewisse Weile – selbst den beamteten Zeitgeist auf ihrer Seite. Aber die Halbwertzeiten des Vergessens und Verdrängens sind unendlich viel kürzer als die strahlender Materie.

“Wir finden doppelt so viele dizentrischen Chromosomen, wie man erwarten müßte.”

Eine wissenschaftlicher Coup gelang Inge Schmitz-Feuerhake bei der “biologischen Dosimetrie” zum Nachweis geringster Strahlendosen: Chromosomenstörungen in weißen Blutkörperchen werden unter dem Mikroskop ausgezählt. Ihre Methode bewährte sich bei der Untersuchung zweier signifikanter Bevölkerungsgruppen: den Anliegern der ehemaligen Uran-Anreicherungsanlage in Ellweiler/Rheinland und im sogenannten Sittensen-Fall, wo es um auffällige Leukämie-Häufungen bei Kindern ging. “Das Ergebnis ist so, daß wir eine Erhöhung der dizentrischen Chromosomen finden. Wir finden also doppelt so viele, wie man erwarten müßte.”

Auch hier schlug ihr die übliche Begleitmusik entgegen, die immer dann ertönt, wenn Technologien oder Industrien kritisiert werden, die viel – vor allem Geld – zu verlieren haben. Als es darum ging, die Dauerbelastung von fliegendem Personal zu ermitteln – Untersuchungen für die Inge Schmitz-Feuerhake von der Pilotenvereinigung Cockpit vorgeschlagen wurde – gab es ministerielle Anweisungen, sie von diesen Untersuchungen auszuschließen.

Exemplarisch für ihr wissenschaftliches und menschliches Engagement ist die nun über zehnjährige Suche nach den Ursachen für die Leukämiehäufungen bei Kindern in der Umgebung der Geesthachter Atomanlagen. Ihre bohrenden Analysen haben dazu geführt, dass in Schleswig-Holstein schließlich eine Leukämie-Kommission eingesetzt wurde. Als Inge Schmitz-Feuerhake auf die Idee kam, Staub auf Dachböden zu untersuchen und dabei Spaltprodukte in Proportionen fand, die weder durch Tschernobyl noch durch Atomtests in den Sechziger Jahren zu erklären waren, wurde sie von Kollegen und den Medien lächerlich gemacht.

Ingrid Schmitz-Feuerhakes Lebenswerk ist nicht nur ihre wissenschaftliche Leistung bei der Erforschung von Langzeiteffekten im Niedrigstrahlungsbereich und deren Messbarkeit. Wir fühlen uns auch durch ihre menschliche Größe ermutigt und selbst verpflichtet, insbesondere durch die Haltung, mit der sie Anfeindungen, Neidereien und Verleumdungen ertragen hat – um ihrer, um unser aller Sache willen.

–Claus Biegert