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Nuclear-Free Future
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HARI SHARAN

INDIA

Salzburg
5 November 1998

Hari Sharan

Ein Gespenst geht um in Europa – und in Nordamerika. Wenn der Durchschnitts-Inder oder -Afrikaner auch nur ungefähr so viel Energie pro Kopf verbrauchen würde wie der US-Amerikaner, wäre der angeschlagene Global-Organismus namens Erde abrupt infarktbedroht. Das eigentlich Dramatische an dieser unstrittigen Annahme: Die Welt kann leider nicht darauf warten, bis die Einwilligung ins globale Überleben in den USA, in Europa in Japan mehrheitsfähig ist – Wahlen werden dort immer noch mit dem Versprechen: “Mehr vom selben! Wohlstand für alle meine Wähler!” gewonnen. Das Ächzen der Atmosphäre nimmt man in Texas, Bayern oder Schottland allenfalls als Hintergrundgeräusch am Fernseher zur Kenntnis.

Einer aus dem Süden, der Inder Dr. Harendra Nath Sharan, lebt schon seit vielen Jahren vor, daß man mit Wissen und praktischer Phantasie die erstarrten Verhältnisse ein wenig zum Tanzen bringen kann. So erweist sich eine für indische Verhältnisse entwickelte Biogasanlage aus Sharans Engineering Ltd. in Winterthur als “angepaßte Technologie” auch für die Schweiz und Mitteleuropa. Technologie-Transfer in Gegenrichtung, von Süd nach Nord.

Das Hauptaugenmerk des Mannes, der in den Fünfzigern in Großbritannien Ingenieurwissenschaften von der Pike auf lernte, gilt immer der realen Lebenssituation, nicht der heute alles beherrschenden Frage: Welche Technologie bringt den schnellsten Gewinn.

Fragen stellen viele, Sharan beantwortet sie. Und zwar nachrechnbar! Fragen wie diese: Wie genau läßt sich aus den Ressourcen Biomasse, organischer Abfall, Sonnenenergie, Wasser- und Muskelkraft die Energie-Grundversorgung einer ländlichen Bevölkerung sicherstellen? Aber Sharans “Rural Energy Programmes” würden leicht an der Unübersichtlichkeit der jeweils besonderen lokalen Verhältnisse scheitern, wenn man sie ignorierte. Sharans Entwicklungspläne sind daher niemals nur technisch, sie sind in besten Sinne ganzheitlich. “Mein Lebensmotto: Erneuerbare Energien für den Frieden!”

“Mein Lebensmotto: Erneuerbare Energien für den Frieden!”

Eines von vielen gelungenen Beispielen: Die Organisation FREND (Fund for Renewabel Energy- Decentralised) von Dr. Sharan gegründet und präsidiert, errichtet im Bundelkhand eine Papierfabrik – und das in einer extrem öden, wasserarmen Gegend Zentral-Indiens: 72 Prozent Analphabetismus, 50 Prozent Arbeitslosigkeit, eine wenig ertragreiche Landwirtschaft. So lauten die Eckdaten des Distriktes, der nach herkömmlichen Kriterien nun wahrlich kein “geeigneter Standort” für eine Fabrik ist.

Aber herkömmliche Kriterien können Sharan nicht einschüchtern: Der Betrieb wird im Endausbau 100 Personen direkt beschäftigen (70 aus der Region) und 200 Anschluß-Arbeitsplätze schaffen. Die Energie liefert ein Biomassekraftwerk und hier besonders ein Unkraut namens Ipomea, das Kanäle und Bäche verstopft. Ein Schädling bringt Nutzen: der Energiegewinn aus 600 Tonnen Ipomea-Trockenmasse pro Jahr ist mehr als genug, um 200 Tonnen Papier – ökologisch einwandfrei – herstellen zu können. Umwelt- und Ressourcenschutz einerseits, Energiegewinnung zum anderen und schließlich Entwicklung des ländlichen Raumes als moralisch-ökonomischer Imperativ blockieren sich nicht gegenseitig.

Sharan begnügt sich nicht damit, vielfach entlarvte Formeln wie “Bruttosozialprodukt” oder “Pro-Kopf-Energieverbrauch” ein weiteres Mal zu zerpflücken: Ihm geht es um “physikalische Lebensqualität”, und die wichtigen Faktoren dieser Rechnungseinheit sind Trinkwasserversorgung, Ernährung, Bildung nachhaltiges Wirtschaften, Unabhängigkeit vom – meist atomaren – Stromnetz.

Mit seinen Argumenten muß man rechnen, weil er sie vorrechnen kann. Das ist von anderer Schubkraft als Appelle, Vorhaltungen, Aufrufe. Es gibt eine Kurve, die geradewegs auf den Abgrund zukurvt: Mit dem Wohlstand steigt der Energieverbrauch – und der ist noch immer ganz überwiegend der Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen. Man kann angesichts dieser Entwicklung apathisch oder zynisch werden. Sharan setzt erfolgreich auf eine sehr saubere Energie-Quelle: das menschliche Hirn.

–Claus-Peter Lieckfeld