The
Nuclear-Free Future
Award

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SPECIAL RECOGNITION

is presented to

DAVID LOWRY

WALES

Carnsore Point
8 September 2001

David Lowry

Wie kann man ungebremst dahin rasende Politiker und Vertreter der Energiewirtschaft davon überzeugen, daß sie sich in einer Sackgasse befinden? Schreibend, sagte sich David Lowry. Er ist kein Chefredakteur, kein Bestsellerautor, er gehört keiner politischen Partei an, er hält sich fern von den Posten der Macht: David Lowry ist seine Unabhängigkeit in der Rolle des Kritikers britischer Atompolitik wichtiger als ein Chefsessel. Seine ersten einschlägigen Erfahren machte er in den USA: Nach seinem Soziologiestudium an der State University von New York – 1978/79, er hatte gerade seine erste Assistentstelle angetreten – ereignen sich zwei einschneidende Unfälle in der Geschichte der amerikanischen Nuklearindustrie: Bei Churchrock, New Mexico, bricht der Damm einer überfluteten Uranabraumhalde. Radioaktiver Schlamm und verseuchtes Wasser geraten in den Rio Puerco, aus dem die Region ihr Trinkwasser bezieht. Später im Jahr kommt es zu einer Havarie im Kraftwerk “Three Mile Island” in Harrisburg, Pennsylvania.

Ihm wird bald klar, “wie die Atomindustrie die Wahrheit verbiegen und mittels der Medien Lügen verbreiten kann, indem sie ihre PR über die Information der Öffentlichkeit und über die Sicherheit stellt.” David Lowry faßt seine Erfahrungen unter einem Begriff zusammen, der von nun an sein Leben begleiten soll: “Nuclear Truth” – die Atom-Wahrheit.

Lowry beginnt, ein Netz an Informanten und ein Archiv von Informationen über die Atomindustrie aufzubauen und seine Erkenntnisse in regelmäßigen Artikeln für die britische und die internationale Presse zu veröffentlichen. Schnell erkennt er, dass er mit gezielten Leserbriefen an die großen Tageszeitungen eine große Aufmerksamkeit erreicht.

“Die Atomindustrie stellt ihre PR über die Information der Öffentlichkeit und über die Sicherheit.”

Diese Aktionen bringen ihm zwar kein Honorar, aber die Gewissheit, dass seine Informationen nicht von einem Redakteur zensiert werden und daß sie nicht nur einer kleinen Schar von Eingeweihten vorbehalten bleiben.

Wieder in England ansäßig, berät er Parlamentarier in Fragen der Reaktorsicherheit, der Atommülllagerung und anderen für die Atomindustrie elementaren Fragen. Immerhin hatte England im Oktober 1957, gut drei Jahrzehnte vor Tschernobyl, einen Brand in der Reaktoranlage Windscale: Erst nach 64 Stunden konnte das Feuer damals gelöscht werden. Als eine der Korrekturmaßnahmen von oben erhielt die Anlage einen neuen Namen: Sellafield.

Lowrys Spezilität: Er erstellt sorgfältig vorbereitete parlamentarische Anfragen für Abgeordnete des britischen Unterhauses, des Europäischen Parlaments und des Europarates. Diese Einflußnahme a la Lowry bringt die Apparate zum Routieren: Die britische Regierung sowie die Administration der EU müssen im Lauf der Jahre mehr als 3000 solcher von ihm formulierten Anfragen beantworten. Der in niemandes Diensten stehende Lobbyist in Sachen “nuclear truth” hat durch diese Beeinflußung von außen die parlamentarische Ruhe durch beunruhigende Fakten gestört und Bewegung in die politische Diskussion gebracht. Vor allem die aktuelle Debatte in seinem Heimatland um die Reaktoranlage in Sellafield wäre ohne David Lowry Aufklärungsarbeit um viele Argumente ärmer. Beruhigend zu wissen, daß der Störer weiter im Einsatz ist.

Sollte eines Tages in den Reihen der britischen Atompolitik die Bremsen gezogen werden, dann können wir mit Sicherheit davon ausgehen, daß David Lowry wieder seine Hände im Spiel hatte – ohne viel Aufhebens aus dem Hintergrund und womöglich wieder ohne Honorar.

–Claus-Peter Lieckfeld