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CORNELIA HESSE-HONEGGER

SWITZERLAND

Washington DC
28 Oktober 2015

Cornelia Hesse-Honegger

Die Kreatur wird ja gern mal „die stumme“ genannt, weil Tiere nichts – oder kaum etwas – für`s menschliche Ohr Verständliche sagen können. Zeigen können sie allemal. Und dem, der hinschauen kann, vermitteln sie unter Umständen sogar Warnungen. Wanzen zum Beispiel warnen da, wo Menschen wahrnehmungsblind sind. Das klingt so unwahrscheinlich, dass man – bitte schön – langsam lesen muss, um es nachvollziehen zu können.

Die Insektenbilder der Schweizer Künstlerin und naturwissenschaftlichen Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger zieren inzwischen Galerien und Museen in aller Welt. Und in ihrer großen Mehrzahl sind sie Spiegel der ( … und Lobgesänge auf die) atemberaubende Schönheit des Insekten-Weltreiches. Doch als Cornelia Hesse-Honegger 1987, ein Jahr nach Tschernobyl, in erheblich mit Ukraine-Fall Out belasteten Gebieten Schwedens auf deformierte Blattwanzen stieß, schwante ihr Unheil. Wobei das Gesehene sie nicht gänzlich überraschte: Schon 1967 hatte sie, dreiundzwanzigjährig, mit dem Zeichenstift Mutationen an Frucht- und Stubenfliegen dokumentiert, die unter Laborbedingungen bestrahlt worden waren.

Nach Einblicken in die schwedische Wanzen-Fauna porträtierte sie vielerorts Mutationen, aufzufinden in ihrem Buch „Warum bin ich in Österfärnebo? Bin auch in Leibstadt, Benzau, Gösgen, Creys-Malville, Sellafield gewesen …“. Und sie betrieb Feldforschung in Stade, Krümmel und in La Hague, zeichnete im Umfeld von Three Miles Island und in den Atomtestgebieten Nevadas. Und überall stieß sie auf Wanzen der Gattung Heteroptera und auf Drosophila-Fliegen, die deutliche Mutationen aufwiesen. Hesse-Honegger dazu: „Während der natürliche Anteil mutierter Insekten bei gerade einmal einem Prozent liegt, ist an den von mir untersuchten Orten bis zu jedes fünfte Insekt körperlich geschädigt. Die Schäden werden vermutlich durch die Aufnahme von radioaktiven Partikeln mit der Nahrung verursacht.“

Das eigentlich Alarmierende: Geschädigte Insekten fanden sich nicht nur dort, wo man sie hätte vermuten können, an den bekannten Katastrophenorten, sondern im Umfeld normal funktionierender, gut gewarteter Schweizer AKW. „Das ist die wahre Katastrophe“, so die österreichische Anti-Atom-Aktivistin und NFFA-Preisträgerin Hildegard Breiner. Wanzen und andere Lebewesen mit schnellem Generationswechsel – das vermutet nicht nur Cornelia Hesse-Honegger – sagen uns, dass „der Normalbetrieb“ alles andere als normal ist.

Fast überflüssig, es anzumerken: Die zeichnende Wissenschaftlerin erhebt ihre Stimme auch gegen andere Bedrohungen, die im Schlagschatten offenkundiger Bedrohungs-Szenarien meist unerwähnt bleiben: Langzeitgefahren durch Waffen zum Beispiel, die mit abgereicherten Uran bestückt sind.

Niedrigstrahlung – und das gilt für die Reaktionen auf die „Wanzen-Warnungen“, wie für die auf abgereichertes Uran – ist offenbar ein Thema, das weg-geschwiegen wird. Seit Ernest J. Sternglass1972 mit seinen Untersuchungen Low Level Radiation (Deutsche Ausgabe: „Niedrig-Strahlung“, 1977) Teile der Öffentlichkeit erreichte, wird das Thema beschwichtigt, weggedrückt, bagatellisiert. Der deutsche Niedrigstrahlungs-Spezialist und Professor für Atomphysik Jens Scheer (1935 – 1995) wurde bis zu seinem Tod als ideologischer Panikmacher geschmäht.

Der Preis für Aufklärung geht an eine Wissenschaftlerin und Künstlerin, also an eine Zweisprachige im Chor derer, die sich zum vermeintlichen Nicht-Thema „Niedrigstrahlung“ vernehmen lassen.