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EDUCATION

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BRUNO CHAREYRON

FRANCE

Johannesburg
17 November 2016

Bruno Chareyron

In einer Autowerkstätte zählen zwei Dinge: Probleme erkennen und Probleme beheben. Der Automechaniker muss Detektiv sein und Doktor; und er haftet für seine Arbeit. Roger Chareyron betrieb eine Autowerkstätte in Mars nahe SaintAgrève (Département Ardeche). Achtsamkeit und Präzision gab er seinem Sohn Bruno mit. „Dazu kam eine Lehrerin als Mutter und nicht zu vergessen, meine Großeltern, die alles hinterfragten, was von oben kam“, ergänzt der Sohn.

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Bruno Chareyron, geboren 1965, übernahm nicht die Werkstatt mit dem großen Kundenstamm, sondern studierte Ingenieurswesen und Nuklearphysik. Dann, mitten im Studium: der Supergau von Tschernobyl. Der Professor beruhigte die Studenten. Bruno griff nach dem Geigerzähler und erlebte eine Überraschung: Sein Geigerzähler zeigte nicht, was offiziell gemeldet wurde. Also fing er an, die Ergebnisse seiner Messungen zu verbreiten. Schnell wurde klar: Bruno Chareyron widersprach mit seinen wissenschaftlichen Daten jenen der französischen Regierung, die ihre Daten als wissenschaftlich ausgab. Was lag hier vor: Irrtum oder Absicht? Lag er falsch oder log die Regierung? Wie konnte es verschiedene Messdaten geben?

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Was lässt sich einer käuflichen Wissenschaft besser entgegen setzen, als ein Labor, das nicht auf Gewinn aus ist?
CRIIRADCommission de Recherche et d’Information Indépendantes sur la RADioactivité – im französischen Valence (Departement Drôme) ist so ein Labor: Im Mai 1986 gegründet, weil es schier unmöglich schien, nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April zuverlässige Daten zu erhalten. 1993 wurde Bruno, 28 Jahre alt, wissenschaftlicher Leiter von CRIIRAD. Das Labor, das nicht nur untersucht, sondern auch Bürger anlernt, selbst Untersuchungen durchzuführen, wird durch Aufträge aus dem zivilen Sektor und Spenden am Leben gehalten. Dass seine Mitarbeiter nur schmale Löhne erhalten, lässt sich denken.

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Brunos Bereitschaft, in die Welt zu reisen, hat CRIIRAD – obgleich kein griffiger Name – in der Welt bekannt gemacht, von den „Kunden“ geschätzt wie die Werkstätte seines Vaters. In dem Film „Yellow Cake“ sieht man ihn durch das Gelände von Arlit in Niger reisen, den piepsenden Geigerzähler immer zur Hand, dem Uran auf der Spur, das der französische Konzern AREVA fördert, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Für die winzige Widerstandsgruppe vor Ort, Aghirin Man (Schutz für die Seele), lieferte er Gerätschaften und wissenschaftliches Know-How. Nach der Katastrophe von Fukushima half er Wataru Iwata, einem befreundeten japanischen Künstler, eine öffentliche Messstation einzurichten, in der seitdem jeder sich und seine Nahrung auf radioaktive Strahlung untersuchen kann.

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Daheim in Frankreich kümmerte er sich als erster um die still gelegten Uranminen und Bohrlöcher, 210 an der Zahl, samt deren Abraum, sämtliche ungeschützt und ohne Warnhinweise. Der strahlende Schutt diente vielen als Rohstoff für den Bausektor. Detektiv Chareyron fand das Material in den Fundamenten von Häusern, Tiefgaragen und Kinderspielplätzen. Als es in der Wideraufbereitungsanlage La Hague und im Reaktor-Komplex Triscastin zu Störfällen kam, war es Bruno und sein CRIIRAD-Team, das die amtlichen Zahlen und Beschwichtigungen widerlegten.

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Bruno ist ein Ingenieur mit Humor. Man kann sich das Gesicht des Sohnes eines KFZ-Meisters vorstellen, als kund wurde, dass die Autoindustrie – obgleich kein Kind der Atomindustrie – auch den Verlockungen der profitablen Datenfälschung erlegen ist.